„Gesund war das nicht.“

Arbeitsschutz und Umweltschutz bei Feldtmann – Fehlanzeige

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Karl Bastiansen in der Putzerei, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

„An den Trommeln hat Kalli Bastiansen gearbeitet. Das war ja unser Putzer. Die Putztrommel war wie so eine Glückstrommel. Da wurden die Nägel rein geschmissen, Sägespäne rein – in die große Trommel ungefähr zehn Kisten Nägel und eine Kiste Sägespäne – zugemacht und dann wurde ständig gedreht mit einem Motor vom Maschinenraum. Das ging alles über Keilriemen. Da haben sich die Nägel in sich die Spitzen abgehauen durch dieses ewige Drehen. Es gab vier Putztrommeln. Da wurden doch erhebliche Mengen an Nägeln an einem Tag geputzt. Nachher kam ein Sieb auf diese Trommel und dann wurden die Sägespäne und auch der Spitzenschrott, der anfiel, rausgeschmissen und somit waren die Nägel ‚sauber‘.

Dann wurde sie entleert mit dem ganzen Schiet. Das gab sehr viel Dreck, Staub Sägespänestaub. Das sah doll aus. Da war ein großer Ventilator drin, der hat den Staub wieder aufgefangen.

Gesund war das nicht. Durch den Dreck, den ganzen Staub, den man eingeatmet hat. Mundschutz und all sowas gab es bei uns früher nicht. Wenn die Sonne schien, dann glitzerte das. Das war der Metallstaub, der war praktisch überall.“

aus: Interview mit Karl Heinz Wittwer,1999, Maschineneinsteller von 1957 bis 1966

Karl Bastiansen starb kurz vor Erreichung des Rentenalters an Knochenkrebs.

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Peter Affrane Appiah Mitarbeiter in der Fabrik 1982, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen / Michael Kröger

Rauch und Gestank

Nicht nur der fast unvermeidliche Lärm, sondern auch Rauch und Gestank gaben Anlass zu Beschwerden über den Betrieb der Firma Feldtmann. Im Juni 1922 wandten sich die Bewohner und Bewohnerinnen der Vorderhäuser an die Altonaer Gesundheitspolizei:

„Unterzeichnete möchten doch einmal höflich bitten, sich den Fabrikhof der Drahtstiftefabrik von Feldtmann, Große Karlstraße 28, zu besichtigen. Erstens hat Herr Feldtmann den großen Fabrikschornstein bis auf ein kleines Stück herunterreißen lassen, infolgedessen kann der Rauch nicht mehr nach oben steigen, sondern schlägt nach unten, so dass man überhaupt kein Fenster mehr öffnen kann. Die Steine und Schmutz liegen im Hof umher, dass man es vor Staub nicht aushalten kann. [Auch] hat Herr Feldtmann dicht an den Wohnungen ein Männer-Pissoir anbringen lassen, nun hat man bei dieser Hitze auch noch unter diesem Geruch zu leiden. Fragt man Herrn Feldtmann etwas darüber, bekommt man zur Antwort, man kann ja an die Elbchaussee ziehen.“

Die Beschwerde wurde als belanglos eingestuft.

Tod eines Drahtziehers

„Wo man aufpassen musste, beim ersten Einziehen, dass man die Zange in der Hand hatte, den Draht runter, die Zange ansetzen und denn die Hand darunter halten und den Fuß langsam auf Zug, da ist ja ´ne Kupplung drin, und wenn du merkst, jetzt fasst er, dann die Hand weg, nicht dass man so reingezogen wird.“

aus: Interview mit Horst Feldtmann, 1987
Fabrikbesitzer 1950 bis 1985

Am ersten Drahtzug ereignete sich am 6. Juli 1953 ein Arbeitsunfall. Der Arbeiter Georg Pallaks geriet mit seiner Arbeitskleidung in die Ziehtrommel, als er bei laufender Maschine einen verklemmten Draht hinter dem Ziehstein richten wollte. Durch die Kraft der Maschine wurde er gegen die Wand des Raumes geschleudert und tödlich verletzt. Der Unfall führte dazu, dass eine besondere Notabschaltung, die vom Drahtzieher bei laufender Maschine mit dem Bein festgehalten werden musste, in den Drahtzug eingebaut wurde.

„Da unten hab ich mein Gehör verloren.“

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Elfriede Ludwicki, 2. von rechts, mit Kolleginnen, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

„Die Nägel hab ich mit einem Kratzer oder einer Forke mit nur zwei Zähnen in die Tüte gekratzt. Dann hab ich sie abgewogen und meine Kollegin musste die Tüte zumachen und etikettieren. Später gab´s eine Schüttelmaschine, da konnte man sich die Arbeit mit der Forke sparen… Nachher sind wir [mit der Packerei] in den Keller reingekommen. Da unten war ´ne große Luke, da ging es schräg runter auf einem Blech. Und oben von der Putzerei hat uns der Kalli die Nägel runter geschmissen, die Klappe ging nie zu, und wir standen ewig im Zug – kalt war das, ´nen Ofen hatten wir nicht, da war der Alte viel zu geizig. Ich nehme an, dass durch den ständigen Zug mein Trigeminusnerv im Gesicht gelähmt wurde. Und da unten hab ich auch mein Gehör verloren durch den Lärm: Die Nägel kamen ja auf dem Blech runter und auf Blech kratzte ich die Nägel in die Tüten rein. Mein Ohrenarzt hatte mir damals gesagt: ‚Metall auf Metall‘ – das ist der Grund, warum das mit dem Gehör immer weniger wurde.“

aus: Interview Elfriede Ludwicki, 1989, Anwohnerin und Packerin von 1939 bis 1960

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Frau Heuk an der Schüttelmaschine, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen / Michael Kröger

Oral History im Stadtteilarchiv Ottensen

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Elfriede Ludwicki beim Gespräch in ihrer Wohnung 1989, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

 Das Stadtteilarchiv Ottensen interviewte die Besitzer und ehemalige Arbeiter und Arbeiterinnen der Drahtstiftefabrik. Diese Methode der mündlichen Geschichtsschreibung, „oral history“, gab ein Bild vom Alltag und von den Arbeitsbedingungen der einfachen Leute und ihrer Mentalität – der Ansatz der Geschichtswerkstätten, Geschichte „von innen“ zu erforschen, war neu und galt dem etablierten Hochschulbetrieb noch als unwissenschaftlich. Geschichte wurde lebendig und zeigte Folgen für die Gegenwart.

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Die Packerin, Installation von Michael Sandmann, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

PCB und Dioxin im Keller

1986 fanden Mitarbeiter des Stadtteilarchivs zwei Papptonnen mit Totenkopfaufkleber. Inhalt war Pentachlorphenol pur mit Dioxin-Anteilen von mindestens einem Gramm pro Kilo. In einem Großeinsatz unter Polizeischutz wurde das Gift von der Feuerwehr abgeholt. Unklar blieb, wozu das PCP in der Drahtstiftefabrik verwendet wurde.

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Feuerwehreinsatz 24.11.1986, Foto: Henning Scholz

Umweltproblem Altlasten

Dieser Fund und Berichte ehemaliger Mitarbeiter der Drahtstifte-Fabrik gaben 1987 den Anstoß für ein Projekt des Stadtteilarchivs zum Thema Umweltgeschichte; Historiker und ein Chemiker recherchierten zu Standorten von ehemals umweltbelastenden Betrieben der metallverarbeitenden und chemischen Industrie in Ottensen und entnahmen Bodenproben. Im zweiten Hinterhof der Fabrik, der auch als Kinderspielplatz genutzt werden sollte, ergaben Untersuchungen hohe Werte an Schwermetallen. Letztendlich übernahm die Umweltbehörde die Entsorgung des Erdreiches.