„Volltreffer auf den Sandkistenbunker!“

Gespräch mit Walter Kloock, Jahrgang 1930,
am 11.3. 2015

„Ich war zu der Zeit 15 Jahre alt. Das war Karfreitag 1945. Wir Hitlerjungen – uns hatte man ja so ausgebildet – wir wurden bei Bombenalarm zum Aufräumen herangezogen, wenn irgendwo eine Bombe gefallen war, um die Straße wieder freizuschaufeln. So war das auch, als eine Bombe als Volltreffer den Mansteinplatz traf.

Ich kannte den Bunker, ich war vorher auch mit zum Mansteinplatz in den Bunker – wir wohnten in der Prahlstraße – wenn wir nicht mehr zum Bunker Arnoldstraße hinkamen. Der Bunker war kreisrund, rundherum waren Bänke, in der Mitte eine kleine Säule und innen herum auch Bänke. An der Seite zur Boninstraße ging eine Treppe hoch mit einer Stahltür, alles ziemlich primitiv, das waren die ersten Bunker. Vor dem Bunkerbau war da eine Sandkiste, die hat man danach wieder drauf gebaut. In den letzten zwei Kriegsjahren sind wir da nicht mehr reingegangen, weil wir uns nicht mehr sicher fühlten.

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Hitlerjungen in Altona, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen / Hülsebusch

Nun hieß es also: ‚Volltreffer auf den Sandkistenbunker!‘

Wir gleich hin. Das war alles mittig zugefallen. Weil wir Klopfgeräusche hörten, haben wir versucht, was wegzuräumen, mit der Hand! Wir Jungs waren erst zu dritt, dann kamen SHD-Leute [Sicherheits- und Hilfsdienst] in Wehrmachtsuniform angelaufen, das waren Männer, die zu alt waren, um Soldat zu werden. Wir haben versucht, die Betonblöcke beiseite zu räumen. Dann hörten wir Schreie, fürchterliche Schreie. Ich habe ab und zu noch Alpträume, dann höre ich diese Schreie. Wir legten einen Kopf frei von einem Mann, der schrie. Dann kam einer dieser Männer und hat ihm einen Kinnhaken gegeben, daraufhin wurde er ohnmächtig. Er war eingeklemmt. Wir kriegten ihn nicht frei. Dann kam ein Hilfskraftfahrzeug von der Feuerwehr, die hatten einen schweren Wagenheber und den haben wir angesetzt und kriegten die zerbrochene Betonplatte etwas beiseite gerückt. Wir konnten den Mann herausziehen. Er war wieder wach geworden und schrie. Er hatte eine Luftwaffenuniform an. Wir ziehen ihn hoch, da sagt einer der Jungs:‘ Wir haben ihm ein Bein abgerissen!‘ Es stellte sich später heraus, dass er im Krieg ein Bein verloren hatte, im Lazarett gewesen und zurückgekehrt war. Er wohnte Ecke Große Brunnenstraße/ Arnoldstraße. Wir haben alle gedacht, dass er wahnsinnig geworden ist. Aber später hörte ich, dass es ihm danach wieder gut ging und er erst Anfang der 1990er Jahre gestorben ist.

Dann kam ein Bagger von Menck und Hambrock, die haben etwas weggeräumt. Aber der Mann war der einzige Überlebende. 117 sind in dem Bunker umgekommen. Da waren auch drei dabei, mit denen ich eine Woche vorher konfirmiert worden war. Ich bin froh, dass es der Jugend heute besser geht und sie sowas nicht erleben. Ich bin grundsätzlich heute gegen jede Gewalt.“

Life Stories – Lebenswege in Hamburg und London

„Sit down and speak“
Im Sommer 1992 kam es in Ottensen zu einer Begegnung von Frauen und Männern aus der Generation zwischen den beiden Weltkriegen, aus den zwei ehemals verfeindeten Nationen England und Deutschland. Das Stadtteilarchiv Ottensen hatte ältere Menschen aus der Londoner „Bermondsey-Memories-Group“ eingeladen, die sich hier mit Gleichaltrigen aus Altona und Barmbek austauschten; fast alle stammten aus Arbeiterfamilien der beiden Hafenstädte. Vorurteile wurden überwunden, Leitbilder und Feindbilder hinterfragt, Freundschaften geschlossen. Die Gespräche über ihre Lebenswege und über den Krieg wurden in einer Publikation und in einer Ausstellung dokumentiert.

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Wohnterrasse Zeißstraße 72, 1992, Mariechen Schwarten (vorne) mit Senioren aus London, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Mariechen Schwarten, Jahrgang 1914, Ottensen:

„Am 25. Juni 1992 erwarteten wir unsere Gäste aus London-Bermondsey am Fährterminal. … [Sie] haben mit Skepsis die Reise nach Deutschland angetreten. Sie haben den Krieg noch nicht vergessen. Der herzliche Empfang, den wir ihnen bereiteten, hat sie bald überzeugt, dass wir nicht anders denken als sie. ‚Wir‘ haben den Krieg doch auch nicht gewollt.“

Ulla Johnske, Jahrgang 1922, Barmbek:

„In den letzten zwei Schuljahren der Volksschule wurden wir schon auf den Krieg, von dem wir nichts ahnten, gedrillt. Wir erhielten Unterricht über verschiedene Kampfstoffe. Eines Tages wurden sogar Tränengasampullen im geschlossenen Klassenraum getestet. Wir mussten solange sitzen bleiben, bis es unerträglich wurde. Erst dann durften wir den Raum verlassen. Auf dem Schulhof lernten wir, mit dem Feuerschlauch umzugehen.“

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Kriegszerstörungen in der Großen Bergstraße in Altona, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Hellmuth Lasch, Jahrgang 1910, Barmbek,

kommunistisch orientiert, zeitweise in Gestapo-Haft, Feinmechaniker in einem Rüstungsbetrieb:

„Die Kriegspropaganda hatte einen erschreckenden Einfluss auf die Bevölkerung, sie war wie narkotisiert… Wir hielten den Kontakt zu den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus Belgien und Ungarn. Unser Ziel war es, eine Organisation in den Betrieben aufzubauen und Informationen weiterzugeben. Wir lebten mit dem Widerspruch, Kriegsmaterial zu produzieren, das zum Massenmord eingesetzt wurde… Sabotageakte waren so gut wie ausgeschlossen, weil die gefertigten Werkstücke einer großen Kontrolle unterlagen… Das Kriegsende habe ich in Hamburg erlebt; dieser Tag war für mich ein Tag der Befreiung, innerlich haben wir gejubelt.“

Mary Gibson, Jahrgang 1923, London-Bermondsey:

„Als 1939 der Krieg ausbrach, waren wir entsetzt. Die ersten Bomben auf London fielen am 24. August 1940. Wir nannten die Luftangriffe ‚the blitz‘. Jeder hatte Angst vor dem Unbekannten. Wir wussten nicht, wie die Deutschen angreifen werden und womit, kommen sie über die See oder durch die Luft. Werden sie auch Gaswaffen einsetzen? Wir hatten keine Luftschutzräume und keine Bunker. Als die ersten Sirenen in London aufheulten, schrie meine Schwester Nell, wir müssten alle in den Keller… Meine Mutter hatte furchtbare Angst vor den regelmäßigen Nachtangriffen. Sie wollte nicht mehr im Hause bleiben. Deswegen ging sie nun jeden Abend bereits um 6 Uhr zur U-Bahn-Station London-Bridge, um sich einen Platz auf dem Bahnsteig zu sichern. Zigtausende Londoner verbrachten auf diese Weise ihre Nächte.“

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Mariechen Schwarten (Mitte) beim Besuch in London, 1993, Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Anne Coakley, Jahrgang 1931, London-Bermondsey:

„Mein Vater war beim Bombensuchen und -entschärfen eingesetzt. Dabei hat er eine Hand verloren. Es war im Frühjahr 1941. Jerry, so nannten wir die Deutschen, hatte an dem Tag London massiv bombardiert. Und in unmittelbarer Nähe von unserer Wohnung war ein großer Krater entstanden. Beim Suchen nach Blindgängern hat er seine Hand verloren. Wir hofften, dass dieser Krieg bald zu Ende gehen würde. Wir hassten die Nationalsozialisten, nicht die Deutschen. Wir lasen Kriegsbücher und unterschieden zwischen SS-Leuten, der geheimen Staatspolizei und normalen Leuten, die wahrscheinlich keine Chance hatten.“

Albert Longbon, Jahrgang 1925, London-Bermondsey:

„Ich war dreizehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ich wusste nur wenig über Politik. Aber ich habe die Angriffe der deutschen Wehrmacht auf London miterlebt. Sie haben den Hafen schwer zerstört. Brandbomben und hochexplosive Bomben wurden abgeworfen. Das Feuer in den Lagerhäusern konnte wegen Wassermangel nicht unter Kontrolle gebracht werden… Mit 18 Jahren wurde ich dann doch einberufen. Mein ältester Bruder musste schon 1939 in den Krieg, er war bei der Marine auf einem Zerstörer im Atlantik. Syd kam zwei Jahre später und ich im letzten Kriegsjahr zur Infanterie. Ich wurde verwundet und musste ins Lazarett, als ich wieder entlassen wurde, war der Krieg zu Ende.

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Zeitzeugen aus Altona, Barmbek und London im Gespräch, Albert Longbon hinten rechts: Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Wir überlegten, was wir sagen werden, wenn die Sprache auf den Krieg käme. Und wir entschieden, dass wir offen darüber sprechen werden. Wir können uns nicht dagegen sperren, darüber zu reden. Wie schrecklich der Krieg für beide Seiten war. Und das taten wir auch, aus der Sicht der Frauen, aus der Sicht der Männer und aus der Sicht der Nationen. Das war eine erleichternde Sache, denn nachdem wir miteinander gesprochen hatten, wurde alles noch offener und freundschaftlicher.“

Alle Zitate aus: Life Stories – Lebenswege in Hamburg und London. Ein Projekt des Stadtteilarchivs Ottensen und der Bermondsey-Memories-Group London und der Seniorengruppen Altona und Barmbek, hrsg. vom Stadtteilarchiv Ottensen, Hamburg 1995